[lautschrift] #RückblickRömertag: Orpheus und Eurydike - die wahre Geschichte

Orpheus und Eurydike

… oder der Mythos des Mannes, der glaubte, er könne singen

Orpheus war ein Sohn vornehmer Abstammung, der er nie gerecht zu werden vermochte. Was ihm in seiner Körpergröße fehlte, versuchte er durch sein Körpergewicht wett zu machen – was seinem Gesamtbild erheblich schadete. Und wer den untersetzten Orpheus in seiner tollpatschigen Art dennoch liebenswürdig fand, der hörte ihn noch nicht singen. Denn war es auch seine liebste Beschäftigung, so brachte Orpheus mit seiner krächzenden Stimme nicht nur Steine zum Zerbersten, nein, sang er im Norden, flohen alle Vöglein nach Süden, und selbst die Bäume verbogen sich im Wind, verbreitete dieser das Quietschen und Ächzen, das sonst kein anderer menschlicher Mund zu verursachen vermochte.

Apollon nun war es, der sich aus Mitleid dem Kinde Orpheus erbarmte und ihm ein Saitenspiel schenkte, damit er durch den sanften Klang der Saiten befriedigt sei und nie wieder zu singen beginne. Doch verstand Orpheus die Geste als Bestätigung seines Talents und hörte nun Tag und Nacht nicht auf, seine nur wenig ausgeprägten Stimmbänder zu benutzen.

Die einzige Gabe, die die Götter dem unbemittelten Orpheus in die Wiege legten, war das Vermögen der Eltern. Der Sohn schadete jedoch ihrem edlen Ruf, weshalb sie beschlossen, ihm eine Frau zu suchen – aus armen Verhältnissen, sodass sie beim Gatten bleiben würde, und dennoch von ansehnlichem Aussehen, sodass der Nachwuchs nach der Mutter käme. Und so wurde Eurydike, die holdselige Flussnymphe, eines Tages des sonderbaren Sängers Gemahlin.

Nun muss in dieser Sage zunächst erwähnt werden, dass, wenn Orpheus` Klänge auch sonst alles zu durchdringen vermochten, die Nymphen unter Wasser abgeschirmt waren von diesem Unheil. Doch sobald Eurydike das Wasser verließ und ihres Gatten Gesang vernahm, dröhnte es in ihren empfindlichen Ohren und sie nahm Reißaus. Am Land noch unsicher und ungeschickt im Laufen, war sie für Schlangen leichte Beute. Von einer giftigen Natter gebissen, sank sie auf der Stelle sterbend zu Boden. Und so sah Orpheus sich und sein Saitenspiel erneut alleine in der weiten Welt. Und keine seiner nun noch schieferen Töne wurden erhört und brachten die Entrissene zurück.

Da fasste Orpheus einen Entschluss, den noch kein Mensch vor ihm auszuführen gewagt hatte. In den Tartaros, ins Reich der Schatten, wollte er hinabsteigen und den Herrscher der Unterwelt bitten, ihm die geliebte Gattin zurückzugeben.

Schaurig umschwebten ihn die Schatten der Toten, als er die Pforte der Unterwelt hinter sich gelassen hatte. Aber mutig schritt er durch die Schrecken des Totenreichs, bis er vor Hades' Thron stand. Zum Klange der Leier brachte der Sänger seine klagende Bitte vor. Er sang von seiner unendlichen Liebe zu der schönen Gattin und von seinem unermesslichen Schmerz, der stärker sei, als ein Mensch ertragen könne. Er gemahnte den Beherrscher der Schatten, dass auch er selbst sich einst von der Liebe habe bezwingen lassen, als er Persephone geraubt und sie zu seiner Gemahlin gemacht habe.

Noch nie war ähnliches im Hades geschehen! Rings um den klagenden Sänger wanden sich die wesenlosen Schatten und - weinten. Tantalos vergaß, nach der entweichenden Quelle zu haschen, die Danaiden, die zur Strafe für ihre Untaten ein durchlöchertes Fass zu füllen hatten, ließen ab von ihrem vergeblichen Mühen, und Sisyphos, verschreckt von den Tönen des Gesanges, saß müßig auf seinem Felsblock: Jeder nutzte die ihm noch gebliebene Kraft und hielt sich die Ohren zu. Selbst die furchtbaren Eumeniden, die Rachegöttinnen, die keines Menschen Bitte je nachgegeben hatten, sagt man, waren so erschrocken, dass sie Orpheus seinen Wunsch umgehend erfüllt hätten, nur damit er wieder gehen möge.

Noch niemals war es geschehen, dass das finstere Herrscherpaar des Hades sich von Mitleid hatte bestimmen lassen. Doch wenn er sonst kein Talent hatte, so sollte wenigstens die Gattin ihm bleiben. Und wenn der Gesang nicht gleich aufhören würde, würden die Seelen der Toten die Mauern der Unterwelt aufbrechen um zu entfliehen. Schnell winkte Persephone Eurydikes Schatten, und man verbannte sie und befahl ihr, Orpheus auf seinem Rückweg zu folgen.

Angst und Sehnsucht quälten ihn auf dem schroffen, finsteren Wege. Verzweifelt lauschte er auf den Atemzug der Geliebten und auf ein Rauschen ihres Gewandes. Doch ringsum lastete grässliche Totenstille. Zuletzt wusste er sich nicht mehr zu bezwingen; von Liebe, Sorge und Angst überwältigt, begann er, Eurydikes Namen zu singen und wandte sich nach der Geliebten um.

Da verstanden die Götter der Unterwelt das Leid, das sie Eurydikes Ohren zufügen würden und beschlossen nicht Orpheus, sondern sie zu retten. Und so wurde seine Gemahlin erneut von der Unterwelt aufgenommen. Und als Orpheus sehnsüchtig die Arme ausbreitete, um die Geliebte an sich zu ziehen, wich sie zurück. In ohnmächtiger Verzweiflung griff Orpheus ins Leere. Wie von Sinnen stürzte er den steilen Pfad zurück bis an den Styx, den Fluss, der die Unterwelt durchfließt. Hier gebot Charon, der Fährmann, ihm Halt. Diesmal weigerte er sich, Orpheus über den schwarzen Strom zu fahren.

Sieben Tage und sieben Nächte saß Orpheus am Ufer und versuchte, die Unterirdischen durch Bitten und Klagen und flehende Lieder zu neuer Milde zu stimmen. Die Götter blieben unerbittlich.

Alina S., Q12

 

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