Der Berg ruft...

... und wir hören dich, Berg. Aber wir sehen dich nicht.

Dienstag, früher Nachmittag.

Wir sitzen im Zug nach Süden und um uns herum ist es gebirgig geworden. Die Gipfel sind allerdings von tief hängenden Wolken verhüllt und wir erwarten den lange angekündigten Regen, der schließlich auch kurz vor Berchtesgaden einsetzt.

Der Plan der Schüler des P-Seminars Geographie mit dem klangvollen Titel "Eine physisch-geographische Alpenexkursion" sah vor, dass sich die Gruppe nach Ankunft in Berchtesgaden mit der Jennerbahn zur Mittelstation fahren lässt, um von dort aus etwa vier Stunden zur ersten Alm zu wandern. Einmal in etwa 1500m Höhe wollten wir uns von Hütte zu Hütte hangeln, mit vollem Gepäck, versteht sich. Nicht nur der Regen hält uns nun nach langem Abwägen von diesem Vorhaben ab, es ist die amtliche Unwetterwarnung und eine Zugverspätung von etwa einer Stunde.

Frau Dr. Ellenrieder und Herr Kerling telephonieren verzweifelt allerhand Ersatzunterkünfte durch, das Tourismuszentrum BGL hilft uns freundlicherweise. Ein Jugendhotel kann uns tatsächlich noch ein Matratzenlager zur Verfügung stellen und wir beziehen dort unser Gemeinschaftszimmer. Die Müdigkeit der Fahrt und die Enttäuschung über die Änderung der Route ist wie weggefegt, als Deutschland Brasilien 7:1 planiert. Wir verfolgen das Spiel komfortabel in einem eigenen Fernsehraum, sind trocken und fast versöhnt.

Mittwoch.

Der gestrige Wetterbericht meldete für heute den schlechtesten Tag der Woche. Diverse Quellen rechnen mit bis zu 150mm Niederschlag in den drei Tagen, in denen wir eigentlich wandern und nicht schwimmen wollten. Normal für den Juli sind in Berchtesgaden etwa 220mm, allerdings auf 30 Tage verteilt und nicht auf drei.

Trotz Regen wird nach einer gemeinsam Lagebesprechung beschlossen, mit Tagesgepäck den Grünstein zu besteigen. Der hat es allerdings in sich. Wir verausgaben uns am Hausberg von Schönau, der Gemeinde am Königssee, den wir eigentlich seit gestern umrunden wollten und nun noch nicht einmal gesehen haben. Die Jacke wird von innen und außen nass, die Beine protestieren - aber nicht die Schülerschaft. Zielstrebig wird jeder Höhenmeter genommen, obwohl es derer bis zum Gipfel etwa 700 sind.

Endlich am Gipfelkreuz! Der Ausblick erinnert an die Ostfriesenflagge: Weiße Möve auf weißem Grund. Wir kehren in die unterhalb gelegene Hütte ein und die Fenster beschlagen innen bis zur Undurchsichtigkeit. Nach einer Stärkung geht es weiter über Stock und Stein, durch Matsch und über Kuhweiden. Wir haben keine Möglichkeit, den geplanten Referaten zu lauschen: Im Stehen kühlt man schnell aus und der Regen macht alle Unterlagen wellig. Das Konzept, an ausgewählten Stellen unseres Rundweges über die physische Geographie der Alpenwelt zu berichten, ist allerdings sowieso seit gestern ins Wasser gefallen.

Nach einem langen Abstieg wird das Fachliche eben in der Stube unserer Unterkunft nachgeholt. Wir erfahren Wissenswertes über die Alpengenese und die Geologie des die Landschaft dominierenden Watzmann-Massivs.

Donnerstag.

Wir wagen es. Wir wollen nicht im Tal bleiben, sondern wenigstens die letzte geplante Station unserer Tour erreichen: Das Kärlingerhaus am Funtensee, der als der kälteste Ort Deutschlands sicher manchen ein Begriff ist (-45,9°C). Zwischen uns liegen an die 1000 Höhenmeter, davon über ein Drittel in der sogenannten Saugasse, ein steiler Weg mit über 30 Kehren. Das Wetter ist verhältnismäßig gut, der Königssee leuchtet grünlich-blau, und tatsächlich können wir in die Pausen Vorträge einbetten, in denen wir z.B. über die Entstehung des Königssees, das alpine Klima oder das Biosphärenreservat BGL informiert werden. Es scheint sogar abschnittsweise die Sonne.

Pünktlich zum Erreichen der Saugasse, die unvermittelt bedrohlich und ehrfurchtsgebietend vor uns auftaucht, beginnt es wieder zu regnen. Wir schieben uns beharrlich nach oben und erreichen nach insgesamt etwa fünf Stunden Marsch die große Hohlform, in der das Kärlingerhaus und der Funtensee liegen. Wir schlafen im Matratzenlager Steinbock, genau 18 Liegeplätze, Matratzenbreite 60cm. Die Referate werden im Bett gehalten.

Freitag.

Der Wecker klingelt kurz vor 6 Uhr. Ein paar passionierte Geographen stülpen sich die Regensachen über und laufen zum See, um dessen Temperatur zu messen. Der Rest schält sich etwas später aus den Decken und nach dem Frühstück wird die komplette Gaststube über die Entstehung des Funtensees, dessen Hydrologie und die Gründe für die Temperaturextreme unterrichtet. Die Gäste spenden Applaus und ein zufällig anwesender Atmosphärenphysiker des Max-Planck-Instituts lobt den wissenschaftlichen Gehalt der Referate.

Der Abstieg nach Sankt Bartholomä erfolgt schnell - wir kennen den Weg mittlerweile. So können wir einen früheren Zug nehmen und kommen knappe zwei Stunden eher in der Heimat an, als geplant. Um halb elf nachts ergießt sich ein nasser, schmutziger Strom an Schülern und Lehrern auf den Bayreuther Bahnsteig und wir blicken auf vier erlebnisreiche Tage zurück. Noch im Zug formulierten die Schüler ihre Eindrücke von der Exkursion, die man in der Bildergalerie lesen kann, wenn man den Mauszeiger über dem Photo stehen lässt.

Entwicklung und Umsetzung: Philipp Schmieder Medien – vanbittern