Griechenlandaustausch 2015

„Woher kommen Sie?“ –  „Aus Deutschland“

Es galt, ein Versprechen an die Griechischschüler der 9. und 10. Jahrgangsstufe einzulösen: Wir fahren nach Griechenland!

Als wir die Absprache mit der Deutschen Schule in Athen (DSA) für das Austauschprogramm trafen, war nicht abzusehen, dass im Juni 2015 die  Krise in Griechenland ihren Höhepunkt erreichen würde. In dieser Zeit nämlich kamen die griechischen Gastschülerinnen und Gastschüler zum Antrittsbesuch mit ihren Lehrerinnen nach Bayreuth.

Im zwischenmenschlichen Bereich waren die Rahmenbedingungen wunderbar: Freundschaften waren schnell geschlossen - auch zwischen den Lehrern - und das Interesse für unsere Kultur und unsere Art zu leben war groß. Zudem gab es keine Sprachbarriere, denn die griechischen Schülerinnen und Schüler lernen Deutsch an der DSA und sprechen dies auch hervorragend.

Natürlich sind Bayreuth und Athen nicht zu vergleichen, aber darin besteht unter anderem auch der Reiz dieses Austausches: Den anderen in seiner Andersartigkeiten kennenzulernen und Wertschätzung dafür zu entwickeln. Hautnah jedoch erlebten wir nun in Bayreuth mit unseren griechischen Kolleginnen das Ausmaß der Krise in Griechenland. Nicht nur die aktuelle Einschränkung am Bankautomaten durch die Begrenzung der Abhebung auf 60 Euro, sondern viel schwerwiegender überschattete der sorgenvolle Blick in die (nahe) Zukunft die ansonsten so sorglose Zeit des Austausches in Deutschland.

Im September sollte der Gegenbesuch erfolgen und die Gefühle waren ambivalent. Um es mit Bernd Ulrich auszudrücken:

„Ich bin hier nicht nur Urlauber oder Reisender, ich bin ein Vertreter der angeblichen Austeritätspolitik. Wie also reagieren die Einheimischen?“

(Die Zeit Nr. 28/2015, 9. Juli 2015).

Und dann bereits am Flughafen in Athen vom Busfahrer ein herzliches „Willkommen! Schön, dass Sie trotzdem in unser Land kommen. Wir wollen uns unsere Freundschaft doch nicht von den Politikern wegdiskutieren lassen!“ Ein Gefühl der Erleichterung durchströmte uns, denn mit 23 Schülerinnen und Schülern im Schlepptau sind wir auf freundschaftliche Begegnungen und Entgegenkommen angewiesen, und ich darf vorwegnehmen, dass wir, trotz des leisen Unbehagens, uns als Deutsche outen zu müssen, keinerlei Feindseligkeiten erlebt haben. In Diskussionen wurden wir verwickelt, ja, aber diese Art der sokratischen Gesprächsführung war eine willkommene Gelegenheit, unsere jeweiligen Positionen darzulegen und einander wieder ein Stück weit besser zu verstehen - in respektvollem Umgang miteinander.

Auch Bedenken hinsichtlich der Versorgungslage waren unbegründet und wir durften wieder einmal die hinlänglich  bekannte griechische Gastfreundschaft erleben. So konnten wir also unser Versprechen in vollem Umfang einlösen und den Schülerinnen und Schülern zeigen, besser, sie spüren lassen, dass die griechische Kultur, ihre Kunst und ihre Tradition auch heute noch im Einklang mit der Gegenwart lebendig sind.

Von den Eltern und den Vertretern der DSA herzlichst willkommen geheißen, begann nun für die deutschen Schülerinnen und Schüler im September das Abenteuer, in einer griechischen Familie im Alltag mitzuleben und deren überwältigende Gastfreundschaft zu erfahren. Nach knapp vierzehn Tagen freuten sie sich auch wieder auf Bayreuth und ihren eigenen „deutschen Rhythmus“, aber nun konnten sie das Verhalten ihrer Partner hier, wenn sie sich im Schlendergang vorwärts bewegten oder verdutzt waren, wenn es (schon) um 19.00 Abendbrot gab, verstehen.

Eine viertägige Rundfahrt ohne die griechischen Partner gab uns die Möglichkeit, die Theorie des Lehrbuches vor Ort in Erleben umzuwandeln.

Delphi in seiner grandiosen Lage, umweht vom Geist des Orakels, Olympia, das uns schon vor langer Zeit die Chance völkerverbindenden Friedens während der Spiele vorlebte und dann das Meer, das im Leben der  Griechen von jeher Lebensunterhalt und Bedrohung bedeutete und für uns zur puren Freude und Erholung wurde. Auf der Fahrt quer durch die Peloponnes offenbarten lieblich-schroffe Gebirgslandschaften die oft rauen Lebensbedingungen und den Einfluss auf das Wesen des griechischen Volkes und in Mykene war der Fluch des Atridenhauses, der so viele Dichter faszinierte und inspirierte, gegenwärtig. Die Arbeit von Archäologen in der Unterstadt von Tiryns veranschaulichte den mühevollen Weg der Forschung zu gesicherten Erkenntnissen.

Über Jahrhunderte hinweg litt das griechische Volk unter Fremdherrschaft. Das anmutige Städtchen Nauplion mit seiner eindrucksvollen Burganlage verkörpert diese historische Situation in der Begegnung mit König Otto von Bayern und die tief verwurzelte Sehnsucht des griechischen Volkes nach Freiheit und Unabhängigkeit.

 

Epidauros bringt uns Besucher immer wieder zum Staunen über die Vollkommenheit des Theaters und die Fähigkeit der griechischen Tragiker, den Menschen in ihrem tiefsten Inneren zu bewegen, ja zu erschüttern. Weiter auf den Spuren des Apostels Paulus und des antiken Sängers Ibykos erspürten wir die einstige Bedeutung von Korinth, ließen uns auf der Brücke über den Isthmos in die Gegenwart zurückführen und tauchten schließlich wieder in das großstädtische Athen ein.

Dem Charme dieser krakenartig sich ausbreitenden, lauten und heißen Stadt kann sich keiner entziehen. Ob auf der Akropolis, der Agora oder dem Kerameikos- hier gehen Sokrates, Perikles, Platon und all die anderen, die wir aus den Büchern kennen, neben uns her. Treten wir aus der Agora heraus, so umfängt uns das pulsierende, moderne griechische Leben. Noch mehr aber als in den beliebten Gassen der Plaka

spüren wir das Leben in den Nebengässchen, den kleinen Plätzen und einfachen Tavernen, die nicht im Reiseführer stehen. Derartige Erlebnisse verdankten die Schülerinnen und Schüler der steten Fürsorge ihrer Gasteltern. Ein großes Gefühl der Dankbarkeit verspürten wir alle beim Abschied. Es waren erfüllte Tage!

Ein besonderer Dank gilt dabei den deutschen und griechischen Gasteltern, die mit ihrem Einsatz die Reise unterstützten, und den griechischen Lehrern, unseren Freunden, die uns mit ihrer unermüdlichen Fürsorge wunderschöne Erlebnisse ermöglichten. Um mit Oscar Wilde zu sprechen: Reisen veredelt den Geist und räumt mit allen unseren Vorurteilen auf. Besser als jedes Lehrbuch kann so die eigene Erfahrung den Grundstein zum Verstehen und zur Wertschätzung des ursprünglich Fremden legen. Mögen dies auch die Ziele der verantwortlichen Politikern sein!

Entwicklung und Umsetzung: Philipp Schmieder Medien – vanbittern